Mittwoch, 17. November 2010

Mein Arbeitstag als Freiwillige

Dienstagmorgen um 7.18. Ich haste vom Bad in mein Zimmer und zurück in die Küche auf der Suche nach meiner Trinkflasche, meinen Tschechischvokabeln und meinem Ipod. Inzwischen ist es 7.20 und ich muss dringend los. Ich schließe die Wohnungstür und laufe los. Um 7.24 bin ich noch 200m von unserer Endhaltestelle entfernt. Die Tram setzt sich in Bewegung und fährt an die Einstiegstelle. Das ist mein Startsignal und ich spurte los. Außer Atem springe ich in die Straßenbahn, die Türen schließen sich und die Tram setzt sich ruckartig in Bewegung. Ich entspanne mich, Sitzplatz gibt es zwar keinen mehr, aber ich weiß, dass ich erst 34min umsteigen muss. Danach folgen nochmal 20min mit einer anderen Tram. Wenn die Tram keine Verspätung hat, erreiche ich an der Endstation im Stadtteil Lišeň den Bus zur Effeta, meinem Arbeitsplatz. Bei der letzten Etappe habe ich immer die Wahl zwischen einem 10-15minütigen Morgenspaziergang oder einer 3minütiger Busfahrt. Für gewöhnlich nimmt mir die Uhrzeit die Entscheidung ab.

Nach der Reise vom einen zum anderen Ende von Brno erreiche ich nun das gemütliche und im Gegensatz zur Tram vor allem warme Haus der Effeta. Ich ziehe meine Hausschuhe an und gehe in den Aufenthaltsraum. Die Effeta gehört zur Charitas von Brno und ist eine Tagesstätte für Menschen mit Behinderung im Alter von 25 bis 50 Jahren, wobei die meisten KlientInnen zwischen 30 und 40 Jahre alt sind. Sie kommen jeden Morgen bis 8.30 Uhr zur Effeta und verlassen sie nachmittags zwischen 14 und 15.30 Uhr. In der Effeta hat es Platz für 26 KlientInnen, die hauptsächlich von sechs Pädagogen und einem Sozialarbeiter betreut werden. Außerdem arbeitet bei der Effeta eine sehr reizende Köchin, die gute Seele des Hauses und natürlich der Chef und seine Sekretärin.

Inzwischen ist es 8.40 Uhr und der Morgenkreis beginnt. Betreuer Petr stimmt ein tschechisches Lied an und begleitet es auf der Gitarre. Einige KlientInnen haben sich ebenfalls eine Gitarre geschnappt und versuchen Petr zu imitieren. Es klingt schön und schräg zugleich. Eine wundervolle und entspannte Art, einen Tag zu beginnen. Das Lied ist zu Ende und es gibt organisatorische Dinge zu klären. Wer heute in welchem Workshop ist, wobei die Aufteilung meistens gleich ist und wer welches Mittagessen am darauffolgenden Tag möchte. Petr stimmt ein zweites Lied an. Inzwischen sind alle KlientInnen eingetroffen und es gibt Frühstück. Eine Hälfte frühstückt unten im Aufenthaltsraum, meine Gruppe ist immer oben. Wir gehen in die Küche und holen Tee, Hörnchen und Obst.

Um 9.30 Uhr geht es mit dem Programm weiter. Es werden verschieden Workshops für die KlientInnen angeboten. Die Gruppen bestehen aus 4-5 Personen mit jeweils einem Betreuer. Die Aufteilung erfolgt von den BetreuerInnen und richtet sich nach den Bedürfnissen, Fähigkeiten und Wünschen der KlientInnen. Zur Auswahl steht das Arbeiten mit Textilien, mit Holz oder Keramik. Außerdem werden in einem Workshop Körbe geflochten, Ketten aufgefädelt oder Blätter für Notizbücher gelocht und in Spiralen eingedreht. Ich bin normalerweise immer in dem Keramikworkshop bei Hanka. Sie gehört zu den wenigen Betreuerinnen der Effeta, die gut Englisch spricht. Bevor wir beginnen, legt ein Klient erst einmal eine CD ein. Wir hören fast immer Musik beim Arbeiten. Manche KlientInnen sitzen manchmal auch nur da und hören Musik. Der Musikgeschmack ist der KlientInnen ist sehr unterschiedlich. Er geht von John Lennon bis hin zu tschechischen Volksliedern.

Momentan steht das Regal im Keramikraum voll mit bereits gebrannter, aber noch nicht glasierter Keramik von Hankas Vorgänger. Deshalb sind wir heute damit beschäftigt, sämtliche Figuren und Schalen zu glasieren oder mit Engobe zu bemalen. Mir gefällt es in diesem Workshop sehr gut. Es ist fast ein bisschen wie Kurs C (der künstlerische Zug an meiner alten Schule). Ich bemerke immer wieder, dass ich doch ein gewisses Grundwissen aus dieser Zeit mitbringe und es jetzt anwenden kann. Überhaupt ist die Effeta ähnlich ausgestattet wie der Kurs C. Es gibt nichts, dass es nicht gibt. Daher darf ich mir auch noch eigenständig Projekte suchen, bei denen ich selbstständig mit den KlientInnen etwas herstellen darf. Ich habe dafür sogar mein eigenes Budget.

Mein erstes eigenes Projekt habe ich inzwischen schon erfolgreich beendet. Wobei bei diesem Mal die Idee und das Material von Hanka stammten. Sie hatte grüne Stofftaschen besorgt, ich klebte mithilfe von Klebestreifen Muster auf die Taschen und bleichte anschließend mit einem sehr aggressiven Putzmittel die freien Stellen. Heraus kam ein grünliches Gelb. Ich zog die Klebefolien ab, wusch die Taschen aus, wartete bis sie getrocknet waren und bügelte sie. Jetzt konnten die Klienten mit Stofffarben die verschiedenen Formen ausmalen. Für sie ist es schwer, eigenständig Figuren und Formen zu malen. Heraus kamen am Ende viele unterschiedliche und bunte Stofftaschen. (Ich habe leider noch kein Foto von den fertigen Taschen.) Diese Taschen sind nicht für den Verkauf bestimmt. Die KlientInnen werden sie ihren Familien zu Weihnachten schenken.

Hier sind Fotos von meinen Vorbereitungen: //www.dropbox.com/gallery/13035227/2/Oktober%202010/Effeta?h=6ee844

Nun ist es 11 Uhr. Kaffeepause. Die KlientInnen machen sich ihren Instantkaffee und trinken ihn genüsslich. Kaffeetrinken ist ein sehr wichtiges Ritual für einige KlientInnen. Es ist für sie wohl ein Ritual der Erwachsenen. Nach der Pause heißt es dann schon aufräumen. Um 12 gibt es Mittagessen. Wir gehen nach unten und holen Geschirr, Tee, Suppe und die Hauptmahlzeit. Tschechien ist ein Suppenland und deshalb beginnt fast jedes Mittagessen mit einer Suppe. Die bekomme ich auch umsonst. Wenn ich auch ein Hauptgericht möchte, muss ich 2€ zahlen. Beim Mittagessen versuche ich zu verstehen, über was sich meine Kolleginnen unterhalten. Immer wieder übersetzen sie es mir und ich freue mich, wenn ich das richtige Thema vermutet habe. Von 12.30 bis 13.00 ziehe ich mich meistens zurück und mache eine Pause. Die Arbeit in der Effeta ist nicht anstrengend, aber die Kommunikation. Zwei Betreuerinnen sprechen Englisch. Sonst läuft alles auf Tschechisch. Das ist gut für meine Motivation, schnell Tschechisch zu lernen. Aber die ersten Wochen waren schwer. Nicht sagen zu können, was man gerne sagen möchte. Die KlientInnen nicht verstehen und ihnen antworten können. Sie sind zwar sehr geduldig und wiederholen alles mehrmals für mich, aber ich versteh den Satz beim dritten Mal leider trotzdem noch nicht, wenn ich das Wort nicht kenne. Inzwischen kenne ich die KlientInnen und Gesprächsthemen besser, das macht die Kommunikation einfacher.

Nun ist es 13 Uhr. Wir arbeiten noch mal für eine Stunde. Um 14 Uhr räume ich mit Hanka auf. In den nächsten zwei Stunden werden die KlientInnen nach und nach abgeholt. Entweder von ihren Familien oder von den Betreuern aus dem „Betreuten Wohnheim“. Also zum Beispiel von meinen Mitbewohnerinnen und -freiwilligen Eva und Talita, die dort arbeiten. Ich mache mich auf den Weg zur Tram um nach Hause zu fahren. Müde, von dem vielen Tschechisch, aber zufrieden, weil ich heute schon wieder zwei Sätze mehr sagen konnte.

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Zuletzt aktualisiert: 17. Apr, 19:50

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